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Texte


Drahtseilakt (Oktober 2002)

Ich hab die Abfindung vergeigt, Dich dann die ganze Nacht geküßt.
Und hör sie sagen, daß Du dreißig Jahre zu alt für mich bist.
Das ist gelogen, Deine Küsse sind samtweich und zücklisüß.
Nicht nur die jungen Kolibris fliegen durch das Paradies.

Prošu hladaj, hač je nědźe raj. Tuž tam chwataj. Snadź ze mnu, haj.

Vom Arbeitslosenamt hab ich noch nie'ne Stelle gekriegt.
Sie haben mich auf Weiterbildung zum Artisten geschickt.
Ich hinkte hin. Er sagte gleich, ich werd' den Drahtseilakt nie stehn.
All' meine Chance in diesem Land hab ich auf einen Blick gesehn.

Prošu hladaj, hač je nědźe raj. Tuž tam chwataj. Snadź ze mnu, haj.

Der Pastor predigte, daß unser Gott manchmal recht zornig ist.
Na klar, so geht es jedem, den die Ohnmacht voll erwischt.
Täglich ziehen tausende christlicher Söldner in den Krieg.
Erst hat der Sozialismus nicht geklappt- und jetzt noch dieses Mißgeschick.

Prošu hladaj, hač je nědźe raj. Tuž tam chwataj. Snadź ze mnu, haj.


Die Lehrerin (1993)
(ein Lied im Spreewälder Dialekt, meiner Muttersprache)

Mensch, weeßte noch? Vor ieber zwanzig Joahre hoa ich zu dir esoan: "Ich hab' Sie lieb."
Um dir das mitzuteeln bin ich von Heeme furteschlichn, in alle Herrgottsfriehe,
wie'n Handtaschndieb.
Daß sich die meestn irjndwenn in ihre Lehrer valiebn, weeß ich heite.
Doch doamoals woar ich bloß uff Kundschaft. Schteifzuch ohne Aussicht uff Beite.

Un wenn ich jetze durch unse Sommerwiesn gehe.
Wenn ich den Wind das Korn leicht bewejn sehe,
weeß ich, daß ma irjndwas immer noch zu dir hennzieht.
Un daß, wenn das Korn anfangt zu wachsn, die Kornblume ooch mit uffblieht.

Doamoals woar ich schichtern un ängstlich. Korrtscher Seitnblick.
Hutte Eltern, doch nich Mutter un Voater un jedn Tach Trauer ins Jenick.
Du, ich gloob, ich hoa da immer noch lieb. Kleenis bißchin uff jedn Fall.
Doch das wie'n schtillis Echo, nich wie'n lauter Knall.




Heute kommt der Drache her (Pittkunings, Januar 2005)
aus „Bajki- sorbische Märchen für Erwachsene & anderer Leute Kinder“

1. Die ganze Stadt fürchtet sich sehr, denn heute kommt der Drache her.
Nach altem Brauch holt er geschwind des Königs allerjüngstes Kind
an dessem fünfzehnten Geburtstag ab.
Drum hängen schwarze Trauerfahnen in der ganzen Stadt.
König Karl und seine Frau, die weinen sich die Augen blau, ja, ja.

2. Die Prinzessin heult bitterlich. Da sagt Ritter Georg ritterlich:
„Wenn der Drache hier erscheint, bekämpfe ich den bösen Feind,
daß er dich nicht stehlen kann. Dafür werde ich später dein Ehemann.“
Die Königin ist hoch erfreut. Auch Großmama vergisst ihr Leid, ja, ja.

3. Der kluge König aber spricht: „So einfach ist die Sache nicht.
Das Tier hat Kraft wie tausend Mann. Dagegen kommt kein Ritter an.“
Da ist das ganze Volk betrübt. Auf einmal was am Himmel fliegt
und als es näher kommt, oh Graus, da sieht es so wie ein Drache aus, ja, ja!

4. Jedoch, die Leute wundern sich, er landet und sagt ganz freundlich:
„Guten Tag! Dobry źeń, liebe Leute! Ich komme anstelle meines Vaters heute,
nehme die Prinzessin nicht mit nach Haus’, borg lieber mir die Oma aus.
Die soll für uns Vanillepudding kochen und Torten backen hundert Wochen, ja, ja.

5. Die Zutaten besorge ich ihr. Als Lohn verspreche ich dafür:
Ich nehme sie zu jedem Ausflug mit. Das wird ein lustiger Drachenritt.
Und wenn ich nach den hundert Wochen kein Drachenfräulein für mich find’,
hole ich vielleicht doch noch die Prinzessin.“

6. So sprach er und schnappte sich geschwind die Großmama von der Prinzessin,
lud sie auf seinen Rücken dann, flog mit ihr in das Drachenreich,
wo sie sofort damit begann Cremetorten für ihn zu backen.
Für Vater Drache gab’s Kotlett. Der schenkte ihr dafür ein Kätzchen.
Das fand die Großmama sehr nett, ja, ja.

7. Sie war so glücklich bei den Drachen, blieb bei ihnen, noch manches Jahr,
hatte endlich wieder was Vernünftiges zu tun und war außerdem beliebt.
Hej, wie wunderbar!
Der junge Drache fand sein Drachenfräulein, kam nie mehr in des Königs Stadt.
So glücklich kann sich alles wenden, wenn man die richtige Oma hat, ja, ja.